Wenn Unternehmen an Wirtschaftskriminalität denken, suchen sie häufig nach „schwarzen Schafen“: dem einen Täter, der „schon immer auffällig“ war.
In der Praxis, die ich als Kriminalist und Profiler erlebe, beginnt das Problem jedoch viel früher – und fast immer an derselben Stelle: bei der Führung und den Strukturen, die sie geschaffen oder toleriert hat.
Dort, wo Wegschauen, Schweigen und Unklarheit zur Normalität werden, entsteht ein System, in dem Täter leichtes Spiel haben:
- Verantwortlichkeiten sind schwammig.
- unangenehme Themen werden vermieden.
- Zahlen zählen mehr als saubere Prozesse.
- kritische Stimmen gelten als „Störenfriede“.
Wirtschaftskriminalität ist dann keine überraschende Ausnahme mehr – sie ist eine absehbare Folge.
Wie schlechte Führung den Boden für Wirtschaftskriminalität bereitet
Schlechte Führung zeigt sich nicht nur in unfreundlichem Ton oder fehlender Wertschätzung. Aus Sicht der Wirtschaftskriminalität sind vor allem vier Punkte entscheidend.
1. Unklare Verantwortung – niemand fühlt sich zuständig
Wenn nicht klar geregelt ist, wer wofür verantwortlich ist, passiert Folgendes:
- Entscheidungen werden „irgendwie“ getroffen.
- Kontrollmechanismen sind unstrukturiert oder rein formal.
- am Ende kann jeder sagen: „Ich war das nicht“ oder „Ich dachte, jemand anders kümmert sich.“
Für Täter ist das ideal. Wo Verantwortung nicht klar definiert und gelebt wird, gibt es Lücken, die man ausnutzen kann – in der Buchhaltung, im Einkauf, im Vertrieb, in IT-Prozessen oder im Umgang mit Kundendaten.
2. Angstkultur – Mitarbeitende schweigen lieber
In einer Angstkultur herrscht das Gefühl:
„Wenn ich etwas anspreche, fällt es auf mich zurück.“
Die Folgen:
- Auffälligkeiten werden nicht gemeldet.
- interne Hinweise versanden auf dem kurzen Dienstweg.
- Whistleblower haben Angst vor Repressalien.
- Loyalität gilt Personen, nicht Regeln oder Werten.
Damit wird der vielleicht wichtigste Schutzmechanismus im Unternehmen ausgeschaltet: die wachsamen Augen der eigenen Mitarbeitenden.
Täter wissen das – und kalkulieren es ein.
3. Falsche Anreize – Zahlen um jeden Preis
Wenn ausschließlich Kennzahlen zählen, ohne dass über den Weg dorthin gesprochen wird, entsteht ein gefährlicher Druck:
- Umsatzziele werden unrealistisch hoch angesetzt.
- „Macht einfach“ ersetzt klare Leitplanken.
- wer Ergebnisse liefert, wird nicht hinterfragt.
Dann kippt Leistungsorientierung in Risikoverhalten um. Mitarbeitende, die eigentlich integer sind, geraten in innere Konflikte – und manche rechtfertigen sich irgendwann mit Sätzen wie:
„Alle machen das so.“
„Es ging ja ums Unternehmen.“
„Der Chef wollte Ergebnisse, also habe ich geliefert.“
4. „Wird schon gutgehen“-Mentalität – Warnsignale werden ignoriert
In vielen Unternehmen gibt es frühe Hinweise:
- Unstimmigkeiten in Zahlen
- auffällige Geschäftsbeziehungen
- wiederkehrende Beschwerden
- interne Gerüchte zu Personen oder Projekten
Schlechte Führung reagiert darauf mit:
- Verharmlosung („Das wird schon nichts sein.“)
- Abwehr („Wir haben jetzt keine Zeit für so etwas.“)
- Schuldumkehr („Du siehst Probleme, wo keine sind.“)
So werden Warnsignale systematisch übersehen, bis der Schaden nicht mehr zu übersehen ist – und sich aus einem internen Problem ein strafrechtlicher Fall entwickelt.
Täter nutzen Strukturen – nicht nur Lücken im System, sondern in der Führung
Wirtschaftskriminelle agieren selten spontan. Sie beobachten:
- Wie geht die Führung mit Kritik um?
- Wie werden Fehler behandelt?
- Was passiert mit Menschen, die unangenehme Fragen stellen?
- Welche Bereiche sind schlecht kontrolliert, aber finanzstark?
Wo Druck hoch, Kontrolle schwach und Kommunikation schlecht ist, steigt das Risiko für:
- Betrug und Untreue
- Scheingeschäfte und Scheinrechnungen
- Kick-back-Zahlungen und verdeckte Provisionen
- Datenabfluss und Geheimnisverrat
- interne Manipulationen und Kollusion mit externen Partnern
Kurz gesagt: Täter nutzen nicht nur fachliche Schwächen, sondern psychologische und kulturelle.
Gute Führung als stärkster Schutzfaktor gegen Wirtschaftskriminalität
Gute Führung ist mehr als Motivation und Strategie. Sie ist immer auch präventive Arbeit gegen Wirtschaftskriminalität.
Dort, wo Führung Verantwortung übernimmt, sinkt das Risiko – weil Menschen wissen, woran sie sind, und weil Fehlverhalten nicht folgenlos bleibt.
Wichtige Bausteine:
1. Klarheit über Regeln, Verantwortung und Grenzen
- sauber definierte Rollen und Zuständigkeiten
- klare Prozesse und Vier-Augen-Prinzip in sensiblen Bereichen
- verständliche Richtlinien zu Compliance, Geschenken, Interessenkonflikten
- dokumentierte Freigabeprozesse bei Zahlungen, Verträgen und Projekten
Klarheit reduziert Interpretationsspielräume – und damit Chancen für Manipulation.
2. Eine Kultur, in der man Sorgen und Beobachtungen ansprechen darf
Eine echte Hinweiskultur bedeutet:
- kritische Fragen sind erwünscht – nicht gefährlich
- Führungskräfte hören zu, statt reflexartig zu blocken
- es gibt sichere Kanäle für Hinweise (auch anonym, z. B. Hinweisgebersysteme)
- Hinweisgeber werden geschützt, nicht „abgestraft“
So werden potenzielle Fälle sichtbar, bevor sie eskalieren.
3. Konsequentes Handeln bei Auffälligkeiten
Wer Prävention ernst nimmt, muss bereit sein, unbequeme Schritte zu gehen:
- Auffälligkeiten werden geprüft, nicht wegerklärt.
- Interessenkonflikte werden offen angesprochen und geregelt.
- Konsequenzen sind transparent – unabhängig von Position oder Umsatzleistung.
Gerade hier zeigt sich der Charakter von Führung:
Wird bei „Top-Performern“ weggeschaut, sendet das ein klares Signal: Erfolg schützt – auch vor Regeln.
4. Professionell aufgesetzte interne Ermittlungen
Wenn ein Verdacht im Raum steht, ist ein strukturierter Umgang entscheidend:
- Was ist der konkrete Verdacht?
- Welche Daten, Prozesse, Personen sind betroffen?
- Wie werden Beweise gesichert, ohne sie zu gefährden?
- Wer darf was wissen – und ab wann braucht es externe Unterstützung?
Professionell aufgesetzte interne Ermittlungen schützen:
- die Rechte aller Beteiligten
- die Beweislage
- die Reputation des Unternehmens
In meiner Arbeit mit Unternehmen und Kanzleien erlebe ich immer wieder:
Dort, wo frühzeitig sauber ermittelt wird, lassen sich Schäden begrenzen – und oft verhindern, dass aus einem internen Problem ein öffentliches Strafverfahren wird.
Frühwarnsignale: Wann Führung genauer hinschauen sollte
Führungskräfte sollten sensibel sein für Muster, die sich in vielen Fällen von Wirtschaftskriminalität wiederfinden, zum Beispiel:
- einzelne Mitarbeitende mit auffallend großem Gestaltungsspielraum in sensiblen Bereichen
- fehlende Urlaubsvertretungen („Das kann nur Person X.“)
- dauerhafte Intransparenz bei bestimmten Kunden, Lieferanten oder Projekten
- wiederkehrende „Ausreden“ bei fehlenden Unterlagen oder Verzögerungen
- informelle Absprachen, die nie dokumentiert werden
Diese Signale bedeuten nicht automatisch, dass ein Delikt vorliegt – aber sie sind ein klarer Auftrag an Führung, genauer hinzuschauen.
Was Unternehmen konkret tun können
Einige praktische Schritte, die ich aus der Praxis empfehle:
- Führungsleitlinien mit Blick auf Integrität schärfen
Nicht nur „Führungskompetenzen“ definieren, sondern auch klare Erwartungen an integres Verhalten. - Risikobereiche identifizieren
Wo sind besonders hohe finanzielle, datenbezogene oder reputative Risiken? Wer arbeitet dort? Wie sehen die Kontrollen aus? - Hinweisgebersystem und Meldewege etablieren
Klare, vertrauenswürdige Kanäle für Hinweise – intern wie extern. - Führungskräfte zu Wirtschaftskriminalität und internen Ermittlungen schulen
Wissen ist hier ein entscheidender Schutzfaktor:
Wie sehen typische Muster aus? Wie reagiert man auf Verdacht? Welche Fehler sind unbedingt zu vermeiden? - Externe Expertise nutzen
In sensiblen Fällen ist es oft sinnvoll, externe Spezialisten einzubinden – etwa bei internen Ermittlungen, OSINT-Recherchen, Hintergrundprüfungen oder forensischen Analysen.
So lassen sich Interessenkonflikte vermeiden und Ergebnisse gerichtsfest dokumentieren.
Fazit: Schlechte Führung kostet mehr als Motivation
Schlechte Führung ist kein „Soft-Faktor“, den man ausblenden kann.
Sie ist einer der größten Risikotreiber für Wirtschaftskriminalität – mit allen Konsequenzen:
- finanzielle Schäden in teilweise existenzbedrohender Höhe
- strafrechtliche Verfahren
- persönliche Haftungsrisiken für Führungskräfte
- irreparable Reputationsschäden
Gute Führung hingegen schafft Klarheit, Vertrauen und eine Kultur, in der Probleme früh sichtbar werden.
Sie schützt nicht nur das Unternehmen – sondern auch die Menschen, die darin arbeiten.
Wie wird in Ihrem Unternehmen mit ersten Warnsignalen umgegangen?
Wenn Sie Ihre Führungskräfte, Ihr Unternehmen oder Ihre Kanzlei für die Risiken von Wirtschaftskriminalität sensibilisieren und praxisnah stärken möchten, unterstütze ich Sie gerne – mit Vorträgen, Seminaren und der Begleitung professioneller interner Ermittlungen.



